Blut, Schweiß und Tränen für die Fussball-WM in Katar

Bereits vor rund 7 Jahren haben wir erstmals über die Missstände beim Stadienbau für die diesjährige Fussball-WM In Katar berichtet. Damals kamen laut Schätzungen von Amnesty International für den Bau der Stadien bereits 4.000 Arbeitsmigranten ums Leben. Laut letzten Erkenntnissen der Menschenrechtsorganisation sind in Katar zwischen 2010 und 2019 mehr als 15.000 Personen nicht-katarischer Staatsangehörigkeit gestorben. Warum diese WM die umstrittenste Weltmeisterschaft aller Zeiten ist, das zeigen wir im folgenden Nachbericht.

Im Jahr 2015 reiste Norbert Blüm nach Katar und sprach bei Stern TV über die schlimmen Zustände auf den Baustellen der Fußballstadien. Von Zuständen wie im alten Ägypten ist die Rede;  Entrechtete Menschen, denen der Pass entzogen wurden, unzumutbare Behausungen, arbeiten bei über 40 Grad im Schatten bis zum Umfallen, kurzum Sklavenarbeit im 21. Jahrhundert. „Die kommen von der Arbeit, legen sich hin und sterben im Schlaf", sagte Blüm zu Stern TV, der sich zuvor auch die Behausungen ohne ordentliche sanitären Anlagen angesehen hat. Erbost war er darüber, dass die FIFA- damals noch unter Sepp Blatter- dies tolerierte. Ebenso Sponsoren und der DFB würden dabei nur zusehen.

Keine positive Veränderung

Das tragische an der Sache ist, dass laut Amnesty weder Katar, noch die FIFA, noch sonst irgendeine einflussreiche Organisation in den letzten 7 Jahren etwas dagegen getan hat, um diese tragischen Ereignisse zu stoppen!

Eine Analyse von Amnesty International zu Todesfällen aus verschiedenen Quellen deutet darauf hin, dass die Todesrate unter ungeklärten Wanderarbeitern in Katar bei fast 70 % liegen könnte. Statistiken der katarischen Behörden zeigen, dass zwischen 2010 und 2019 mehr als 15.000 nicht-katarische Staatsangehörige starben. Viele davon waren sogenannte Wanderarbeiter. 15.000 Menschen, das sind ca. 5x so viele wie beim Zusammensturz des Word Trade Centers bei 9/11 und es scheint immer noch kaum jemanden zu interessieren. Schlimmer noch: Es soll genau dort gefeiert werden, quasi auf dem Ground Zero von Katar. Die FIFA WM 2022 findet vom 21. November bis 18. Dezember 2022, also quasi im Winter statt, weil die Temperaturen in Katar im Sommer viel zu heiß sind. Spieler würden reihenweise einen Hitzeschlag bekommen, wenn sie im Sommer spielen würden, so wie die Wanderarbeiter, bei denen es jedoch keine Hitzepause gab!

Auch viele andere Zeugen haben sich bei Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch, Amnesty International oder Fairsquare gemeldet. Ihre Berichte deuten darauf hin, dass Hitzschlag, Erschöpfung oder geringfügige, aber unbehandelte Krankheiten für viele der plötzlichen, ungeklärten Todesfälle verantwortlich waren. Die Unvollständigkeit der verfügbaren Aufzeichnungen machte eine abschließende Bewertung unmöglich. Bleibt die Frage, warum die katarischen Behörden keine aussagekräftigeren Todesdokumente herausgegeben haben. Der zeitliche Zusammenhang zum Bau der Stadien liegt zudem klar auf der Hand.

Die nun toten Gastarbeiter, die laut Amnesty überwiegend dem KAFALA-System unterlagen, haben zudem Familien zurückgelassen. Familien, für die sie Geld erarbeiten wollten, um dann festzustellen, dass sie nicht nur um ihr Geld, sondern auch um ihr Leben betrogen wurden. Die Familien sitzen nun ohne ihren geliebten Menschen und ohne Geld da. Eine riesengroße Schande, für die wieder niemand die Verantwortung tragen will- weder Katar, noch die FIFA oder die Sponsoren und Medienpartner. Die Cards of Qatar geben den verstorbenen Arbeitern in Katar sogar ein Gesicht! 11FREUNDE und BLANKSPOT zeigen die verstorbenen Gastarbeiter als Sammelkarten. Die Hinterbliebenen hoffen auf dabei stets auf Anerkennung und Entschädigung.

Was ist das KAFALA-System?  

Im sogenannten Kafala-System üben Arbeitgeber („Bürgen“) eine übermäßige Kontrolle über Arbeitsmigranten und deren rechtlichen Status aus. Bis vor kurzem konnten Arbeitsmigranten nur mit Zustimmung ihres Arbeitgebers den Arbeitsplatz wechseln oder das Land verlassen. Aufgrund ihrer extremen Abhängigkeit von ihren Arbeitgebern ist es für Arbeitnehmer sehr schwierig, sich vor Ausbeutung, Missbrauch und Missbrauch zu schützen. So etwas wie eine Gewerkschaft gibt es nicht, sie sind ihren Sponsoren völlig schutzlos ausgeliefert! Im Grunde wie eine Art Versklavung.

Obwohl die Kafala-Regel in Katar inzwischen offiziell aufgehoben wurde, wird sie laut Amnesty International in der Praxis immer noch angewandt, und die Frage der Aufhebung wird wieder zunehmend in Frage gestellt. Katar hat die Anforderung für Ausreisegenehmigungen und Unbedenklichkeitsbescheinigungen (NOCs) für die meisten Wanderarbeiter abgeschafft, was ihnen theoretisch auch erlaubt, das Land zu verlassen und den Arbeitsplatz ohne Zustimmung eines Sponsors zu wechseln.

Tatsächlich haben laut Amnesty die Arbeitgeber jedoch immer noch die Möglichkeit, Arbeitnehmer am Arbeitsplatzwechsel zu hindern und ihren rechtlichen Status zu kontrollieren. Die Einbehaltung von Löhnen und Sozialleistungen erschwert es den Mitarbeitern auch, den Arbeitsplatz zu verlassen. Arbeitsmigranten verlassen sich bei der Einreise und dem Aufenthalt in Katar weiterhin auf ihre Arbeitgeber. In dieser Hinsicht können Arbeitgeber immer noch auf "illegalen Urlaub" und die Aufhebung von Aufenthaltsgenehmigungen klagen - Praktiken, die zur Kontrolle der Belegschaft missbraucht werden.

Für ausgebeutete Wanderarbeiter ist es daher schwierig, Rechte einzufordern oder Entschädigung zu erhalten. Sie dürfen keinen Gewerkschaften beitreten und können daher nicht gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen.

Sollte man die WM nun boykottieren?

Zeit zum Handeln und zum Boykott hatten der DFB, Sponsoren, Medienanstalten und Politiker genug. Dass es hätte funktionieren können sieht man an der schnellen Handlung bei Russland. Kurz nach dem Angriff auf die Ukraine haben die FIFA und UEFA Russland von allen Wettbewerben ausgeschlossen. Dies funktionierte innerhalb von nur einer Woche! Auch McDonald’s und andere große Unternehmen kehrten Russland den Rücken. Hier kommt natürlich die Frage auf, warum die toten Menschen in Katar weniger wert sind als die in der Ukraine? Welche Doppelmoral ist hier am Werk und warum wird immer vom Boykott russischen Gases gesprochen und gleichzeitig gibt es Verhandlungen mit Katar? Einem Land, dass in Sachen Menschrechte und Terrorismus seit vielen Jahren unter sehr starker öffentlicher Kritik steht – auch hinsichtlich von Homosexuellen. 

Was können Fußballfans tun?

Viele Fußballfans, die sich die WM vor Ort ansehen wollen wissen nichts über diese schlimme Vorgeschichte oder wollen davon nichts wissen. Doch leider unterstützt jeder Fan mit dem Erwerb eines Tickets dieses schlimme System. Daher wäre es natürlich ratsam sich zu überlegen die Reise nicht anzutreten. Man sollte auch darüber nachdenken, ob man die Sponsoren weiterhin unterstützen möchte, die das Ganze mitfinanzieren. Zu guter Letzt kann man die WM auch hierzulande boykottieren, indem man sie sich aus Protest nicht im Fernsehen anschaut, keine Public Viewings besucht, keine T-Shirts, Bälle oder anderen Merchandise kauft und in dem man andere darauf aufmerksam macht. Finanziell gesehen entwickelt sich die WM vor allem für die Sponsoren so zu einem Eigentor.

Feiern wo andere ihr Leben ließen

Wer eine Reise nach Katar plant, sollte sich laut Amnesty erst einmal mit der dortigen Gepflogenheiten und der Menschenrechtslage vertraut machen. Vor sollten Nicht-Heterosexuelle sich dort lieber nicht outen. Spieler, Offizielle und andere Interessengruppen könnten eine Rolle spielen, indem sie sich über die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter (z. B. die von ihnen besuchten Unterkünfte) informieren und ihre Bedenken öffentlich äußern. Auch die nationalen Fußballverbände und Berühmtheiten müssten ihren Einfluss in Katar und der FIFA geltend machen, um die Gelegenheit (auch vor der Kamera) zu nutzen, die Menschenrechtssituation explizit anzusprechen. Doch die Realität sieht so aus, dass Armbinden wie 1 LOVE seitens der FIFA noch untersagt werden und der DFB beugt sich.

Was fordert Amnesty von Katar und der FIFA?

Katar muss angekündigte Reformen zum Schutz von Wanderarbeitern wirklich und dauerhaft umsetzen. Das Land muss sein Versprechen einlösen, das Kafala-Garantiesystem vollständig abzuschaffen und die rechtliche Situation von Wanderarbeitern im Land zu verbessern. Amnesty International hat ein Ende der Straflosigkeit für verantwortungsbewusste Arbeitgeber und zusätzliche Maßnahmen zur Stärkung des Schutzes der Arbeitnehmerrechte in Katar gefordert. Das Versäumnis, den Tod von Wanderarbeitern zu untersuchen und zu verhindern, ist eine eklatante Verletzung der Verpflichtung Katars, das Recht auf Leben zu wahren und zu schützen. Amnesty International hat Katar aufgefordert, obligatorische Ruhezeiten in seine Gesetze aufzunehmen, um die Arbeiter vor extremer Hitze zu schützen. Alle Todesfälle von Wanderarbeitnehmern müssen vollständig untersucht werden.

Wenn Arbeitnehmer gefährlichen Bedingungen wie extremer Hitze ausgesetzt sind und keine andere Todesursache festgestellt werden kann, muss Katar eine angemessene Entschädigung für die Familien sicherstellen und unverzüglich Maßnahmen ergreifen, um den Schutz der Arbeitnehmer zu verbessern und weitere Todesfälle zu verhindern.

Wenn Beschäftigte, die an WM-Programmen beteiligt sind, misshandelt werden, muss auch die FIFA handeln. Als die FIFA die Weltmeisterschaft an Katar vergab, hätte wissen müssen, dass die Ausrichtung der Weltmeisterschaft in einem Land, das stark auf ausgebeutete und misshandelte Wanderarbeiter angewiesen ist, mit Risiken behaftet wäre, so Amnesty. Jetzt müsse sie dringend ihren Einfluss geltend machen, um Druck auf Katar auszuüben, um Wanderarbeitnehmer angemessen zu schützen.

Letztlich solle auch die FIFA dafür sorgen, dass die Rechte aller WM-Mitarbeiter gewahrt und eingefordert werden können. Dass Katar Reformen angekündigt hat, reicht nicht aus. Die FIFA müsse Katar öffentlich auffordern, diese Reformen umzusetzen. Doch selbst wenn dies nun geschieht, würde es nichts mehr am Geschehenen ändern und keine 15.000 Menschen zum Leben erwecken. Die Stadien stehen bereit und alles ist auf Hochglanz gebracht. Blutspuren wurden weggewischt und mit einem schönen grünen Rasen überdeckt.

Jeder kann darauf aufmerksam machen

Das Einzige, was nun noch etwas helfen kann ist ein größeres Bewusstsein dafür zu schaffen, dass solche Verbrechen sich nicht wiederholen! Wer also eine Stimme für katarische Arbeitnehmer sein möchte, der teilt die Informationen über die Menschenrechtssituation der FIFA WM nun mit so vielen Menschen in Ihrem Umfeld wie nur möglich oder nutzt dazu bestenfalls Social-Media-Kanäle wie Facebook, Instagram, TikTok, Twitter oder YouTube , um das Bewusstsein für diese Situation zu schärfen!

Unser Bericht aus 2015 über die Misstände beim Stadienbau für die Fussball-WM in Katar

Cards of Qatar

http://www.stern.de/tv/sterntv/stern-tv-norbert-bluems-kritik-an-der-wm-vergabe-nach-katar-durch-die-fifa-2194975.html

Stern TV-Bericht im Archiv

WM 2022 in Katar: Zustände auf den Stadion-Baustellen - Norbert Blüm vor Ort | stern TV (13.05.2015)

WM-Baustellen in Katar: Norbert Blüm über Arbeitsbedingungen - Der komplette Talk | stern TV

http://www.presseportal.de/pm/6514/3022159

http://www.presseportal.de/pm/6514/3027460 

Fußball-WM in Katar - Weitere 4000 Tote befürchtet

Erneut harsche Kritik am WM-Land Katar

Tausende Tote auf WM-Baustellen: Der Tribut von Katar

Die toten Arbeiter aus Katar

WM 2022 in Katar: Arbeiter werden weiter wie Sklaven behandelt

62 Tote für jedes Spiel an der Fussball-WM in Katar

Fußball-WM in Katar: Amnesty-Bericht setzt die Fifa weiter unter Druck 

Sklaverei auf WM-Baustellen in Katar - Betroffener berichtet

MAFI(F)A - Der verkaufte Fussball - Sepp Blatter und die Macht der FIFA

Sie müssen eingeloggt sein um einen Kommentar schreiben zu können.

Sie haben noch keinen Login?

Jetzt kostenlos registrieren

Anzeigen
Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.