FIFA unter Beschuss: Fußball-WM 2022 dank Sklavenarbeit?

Mit Entsetzen haben wir am 13.05.2015 den Bericht auf stern TV gesehen, in dem Norbert Blüm zusammen mit dem Team von stern TV über schwere Missstände in Katar berichtete. Laut dieser Dokumentation leben tausende Gastarbeiter unter menschenunwürdigen Bedingungen, um Stadien für die Fußball-WM 2022 zu bauen. Gemeinsam mit Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm dokumentierte stern TV die schlimmen Zustände in Katar in form eines heimlich gedrehten Videozusammenschnitts. Was dabei herauskam und warum sieben Jahre vor der WM die Welt noch nicht auf Katar blicken darf, das und mehr erfahren Sie auf den folgenden Seiten.

Kameras und Presse (noch) unerwünscht!

Die Bilder sind schockierend! Bis zu 14 Stunden harte Knochenarbeit in glühend heißer Hitze, enge Schlafräume ohne Fenster, Schimmel an den Wänden, dreckige Küchen, mangelhafte sanitäre Anlagen, uvm. Unter diesen Bedingungen leben laut stern TV Doku tausende Gastarbeiter in Katar, um Stadien für die Fußball-WM 2022 zu bauen. Im Gegensatz zur FIFA WM sind diese Zustände scheinbar nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, denn die Redaktion von stern TV hatte sich monatelang erfolglos um eine Drehgenehmigung in Katar bemüht. Daher reisen Norbert Blüm und das stern TV-Team getarnt als Touristen nach Katar um einen Einblick in das mega Bauprojekt zu bekommen.

In Lusail City entsteht derzeit das größte Stadion der WM für über 80.000 Zuschauer. Hierfür wird rundherum um das Stadion eine komplett neue Infrastruktur aus dem Boden gestampft. Medienvertreter unerwünscht! Das gesamte Gelände wird durch kilometerlange Zäune und Sicherheitsmitarbeiter abgeschirmt. Transparenz sieht anders aus! Das Team von stern TV gibt sich daher als Mitarbeiter eines deutschen Unternehmens aus und muss- aus Angst festgenommen zu werden- mit versteckter Kamera drehen. Was wird hier verheimlicht und warum? Das, was das Team nun sieht, erklärt die Zurückhaltung. In Katar ist zwar Frühling, dennoch herrschen bereits Temperaturen von fast 40 Grad. Die Arbeiter arbeiten hier für bis zu 14 Stunden täglich. Mit ihnen zu sprechen wird nicht gerne gesehen und ist für das gesamte Team sehr riskant. Der ehemalige Bundesminister für Arbeit und Soziales bringt es auf den Punkt: "Dass wir hier Versteck spielen müssen. Dass wir hier mit den Leuten nicht reden können, das zeigt doch das ganze schlechte Gewissen", so Blüm. "Wer nichts zu verheimlichen hat, muss die Leute nicht so einsperren!"

„Die kommen von der Arbeit, legen sich hin und sterben im Schlaf"

Nach der Arbeit werden die Gastarbeiter mit Bussen abgeholt und in die so genannte industrielle Zone gebracht. In den Wohnsiedlungen leben ein Großteil der knapp 1,5 Millionen ausschließlich männlichen Gastarbeiter. Für die dortigen Unterkünfte schreibt das zuständige Organisations-Komitee für die WM, das katarische Supreme Committee, Standards folgendes vor: Das SC hat strenge Normen für Unterkünfte entwickelt, die die Gesundheit und das Wohlbefinden aller Arbeitskräfte fördern. Diese Normen umfassen Bestimmungen für komfortable Wohnquartiere, Erholungsräume, sowie hohe Normen für die Sauberkeit und Hygiene! Norbert Blüm kann von diesen Standards nichts erkennen. Im Gegenteil, denn überall wimmelt es von Schmutz und Dreck. Zudem ist ständig ein Fekaliengestank präsent. In den Schlafräumen übernachten bis zu acht Menschen auf wenigen Quadratmetern. Ein einziger Waschraum wird von ca. 60 Arbeitern täglich genutzt, Plumps-Klo und Dusche befinden sich zusammen in einer kleinen Kabine. Norbert Blüm fasst es erneut in kurzen aber treffenden Sätzen zusammen: "Die leben hier auf engstem Raum. Und das nicht nur 14 Tage. Sondern so lange sie hier arbeiten. Sie haben nichts, was ihnen gehört, keinen privaten Raum. Und die sanitären Verhältnisse sind unter aller Sau!"

Der ehemalige Bundesarbeitsminister trifft einen Mann aus Indien, der seit seit sechs Monaten in Katar lebt. Der Gastarbeiter lebt mit sieben anderen Arbeitern in einem kleinen Zimmer. "Morgens um viertel vor sechs fangen wir an. Meistens müssen wir bis 18:30 Uhr arbeiten. Manchmal aber auch bis 20:30 Uhr", sagt der Mann. "Dann kommen wir hier her und essen was und dann legen wir uns wieder schlafen. Viele trinken Alkohol um das auszuhalten." Die Bauarbeiter arbeiten 12 bis 14 Stunden an sechs Tagen in der Woche! Manche davon monate- oder sogar jahrelang. Viele Arbeiter seien bereits gestorben, berichten sie Norbert Blüm und dem Team von sternTV. "Den genauen Grund für den Tod kenne ich nicht. Ich weiß nur, die kommen von der Arbeit, legen sich hin und sterben im Schlaf", erzählt ein Nepalese. Laut einer Studie des Internationalen Gewerkschaftsbundes sind seit der FIFA-Vergabe im Jahr 2010 ca. 1200 Arbeiter aus Indien und Nepal auf den WM-Baustellen in Katar ums Leben gekommen. Nach einer Schätzung des Gewerkschaftsbundes werden bis zum Beginn der FIFA WM mehr als 4000 Arbeiter sterben.

Der Verdienst für diese Knochenarbeit liegt laut stern TV pro Monat bei 150 bis 200 Euro. Das macht einen Stundenlohn von ca. 41 – 55 Cent. Für Deutsche Verhältnisse undenkbar und weit entfernt von einem würdigen Mindestlohn. Zudem sollen die Männer in Nepal zunächst Geld bezahlen, um zum Arbeiten nach Katar zu kommen. Laut stern TV Bericht etwa 1500 Euro. Um so viel zu verdienen, müssen die Arbeiter monate arbeiten. Darüber hinaus seien ihre Pässe einkassiert worden, eine selbstbestimmte Ausreise wäre somit unmöglich. "Was sollen wir denn schon machen? Uns wird nicht geholfen. Es hat keinen Sinn, sich an den Arbeitgeber zu wenden. Wir müssen dem Unternehmen gehorchen. Wir sind nur einfache Arbeiter", sagt ein Mann. "Zwei bis drei Jahre läuft der Vertrag. Das müssen wir ertragen. Ich habe Frau, Kinder, Familie, die ich ernähren muss. Wir haben keine Wahl."

Zurück in die alte Sklavengesellschaft“

Die Macht in Katar liegt bei den wenigen milliardenschweren Scheichs. Millionen werden investiert um den Wüstenstaat bald mit luxuriösen Stadien zu schmücken. „Wie damals Pyramiden gebaut wurden, so werden hier Fussballstadien gebaut“, sagt Norbert Blüm. Der Vergleich zu den Pyramidenbauten in Ägypten ist gar nicht so weit hergeholt, jedoch mit einem Unterschied. Die Stadien sind alles andere als ein Kulturerbe. Was passiert mit den Stadien, wenn die Fußball-WM vorbei ist? Um genau die Frage zu beantworten, fährt stern TV in die Wüste zu einem bereits fertig gestellten Stadion, wo vor wenigen Monaten das Finale der Handball-WM ausgetragen wurde.

Dieses Bauprojekt wird momentan nicht mehr genutzt und von wenigen Bauarbeitern vor dem Verstauben bewahrt. "Das ist das Symbol dafür, dass das was hier mit viel Geld gebaut wurde, bald im Sand verenden wird", so Blüm. "Und wenn man die armen Arbeiter in ihren Hütten gesehen hat, mit acht Mann in einem Zimmer, dreckig, schmutzig – und hier wird das Geld verpulvert!"

Der Preis für die Fußball WM ist hoch und zahlen müssen hier vor allem die einfachen Arbeiter: Mit würdelosen Arbeits- und Lebensbedingungen, teilweise sogar mit ihrem Leben, wie aktuelle Medienberichte zeigen. „Jetzt frage ich den Herrn Blatter: Hat er sich das vorgestellt, als er die Weltmeisterschaft nach Katar vergab?" Für Norbert Blüm ist nach seinem Besuch in Katar klar: "Hier siehst du Menschen, die entwürdigt werden. Ausgebeutet, zurück in die alte Sklavengesellschaft. Und das mit Hilfe des hoch angesehenen Fußballs. In diesem Land kann keine Fußballweltmeisterschaft stattfinden, wenn der Fußball sich nicht selbst um seinen guten Ruf bringen will."

Kommentare   

+3 # Fußballfan 2015-06-01 12:58
Ich habe mir gestern die Talkrunde bei Günther Jauch angesehen (am ende im oberen Beitrag als Link zu finden). Der FIFA Medienbeauftragte Alexander Koch sagte doch tatsächlich dass die Vergabe der Weltmeisterschaft an Katar gut für die Arbeiter dort sei! Unglaublich! Da fehlen mir die Worte!!!
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+2 # MAFIFA 2015-05-28 15:11
Ich habe einen großen Respekt vor Norbert Blüm und dem Team von stern TV. Schön, dass es immer noch Menschen gibt, die einen Sinn für Recht und Unrecht haben sowie auf Misstände hinweisen. Was zurzeit bei den WM-Städten in Katar los ist, ist eine Schande und die FIFA WM 2022 in Katar sollte verlegt werden.
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